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Alessandro Mendini

Präsentation der fünften prodomoEdition, nummeriert und signiert - von 11. bis 21. November 2015


Im Mai 1985 begann alles. Die Werkschau über ausgewählte Möbel und Arbeiten von Alessandro Mendini war der Start der konzeptionellen Ausstellungstätigkeit im damaligen Loft von prodomoWien. Mendini zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des italienischen Designs. Er wandelt Möbel und Alltagsobjekte mit Hilfe von innovativen Farben und Formen in ein neues ironisches Erscheinungsbild. Das Neuerfinden von Formen wird durch das Variieren von Dekoren, Mustern und Oberflächen ersetzt. Als einer der Ersten sprach Mendini in diesem Zusammenhang von Re-Design. 30 Jahre später, widmet prodomo dem einflussreichen Designer und Architekten erneut eine eigene Ausstellung.

Am Anfang war Alessandro Mendini – mit dem 1931 in Mailand geborenen Architekten, Designer und Verleger startete prodomo 1985 seine 10-jährige Ausstellungsreihe in Wien. In unserer PopUp-Ausstellung 2015 waren Exponate von damals, wie auch neue Designs des großen italienischen Meisters zu sehen, die Bestandteil der aktuellen prodomoKollektion sind. Im Detail handelt es sich um diese nach wie vor erhältlichen Produkte:

• gepolsterter Fauteuil "Proust Geometrica" von Cappellini
• Spiegel "Specchio di Proust" sowie "Settecento" von Glas Italia
• Indoor-/Outdoor-Fauteuil "Magis Proust" von Magis
• Tisch-/Bodenleuchte "Here" sowie "Mini-Here" von Slide
• Tisch "Macaone" von Zanotta
• Couch- und Konsolentisch "Agrilo" von Zanotta

An dieser Stelle bedanken wir uns bei unseren Hersteller-Partnern für die Unterstützung im Rahmen dieser Ausstellung!

Der Einstieg in die Ausstellungsreihe war damals programmatisch, denn Mendini war bereits seit den 1970er Jahren eine entscheidende Figur im europäischen Designdiskurs. In der ruhigen Wiener Szene der 1980iger war er der erste wichtige internationale Impulsgeber. Mit seiner Gastprofessur an der Hochschule für angewandte Kunst 1984/85 schloss Wien an die internationale Postmoderne an. Und schließlich setzte Mendinis Ausstellung im prodomoLoft 1985 endlich das italienische Design ins Bild.


EMOTION UND IKONE

Was damals radikal neu war, ist nach 30 Jahren zur Ikone geworden. Die Postmodere verabschiedete sich vom Gesetz des "form follows function". Und Mendinis fundamentale Feststellung, dass nichts Neues kreiert wird sondern nur Bekanntes in neuer Form arrangiert werden kann, führte ihn zum "Re-Design". Sein bekanntestes Objekt ist "Proust" (1978) – ein Barockfauteuil mit pointilistischem Flächendekor inspiriert von einem Gemälde des Impressionisten Paul Signacs (1863–1935). Mendini setzte den überkommenen Designanspruch nach einzigartig neuer Gestaltung, Funktionalität oder ökonomische Produktion außer Kraft. Und machte den Weg frei für das sogenannte "Design pittorico", bei dem ein und dasselbe Dekorationsmuster für verschiedene Objekte – ein Möbel, eine Uhr oder einen Laminatboden verwendet wurde.

Mendinis Designs strotzen vor Freude an barocken Formen und ihrer Freiheit, nicht nur nützlich sein zu müssen. Seine Objekte sind witzig, fantastisch, poetisch, aber auch ironisch. Zwischen Objekt und Benutzer sollen sinnliche Beziehungen und ein emotionaler Mehrwert entstehen. In den Texten in Prodomos Katalog von 1985 zeigte sich der italienische Vordenker des Designs allerdings von seiner unverblümt zynisch und provokativen Seite. Für seine andere, die ebenso stark ausgeprägte poetische Grundhaltung, fand er im selben Jahr im "Alchimia-Manifest I" friedvollere Worte: "Für Alchimia ist Design zart und zurückhaltend; Design bleibt im Hintergrund und begleitet liebevoll Leben und Tod derjenigen, denen es gefällt." (Alessandro Mendini, Alchimia-Manifest I, Juli 1985)

Eva-Maria Orosz für prodomoWien, Oktober 2015


15 REGELN FÜR DAS ENTWERFEN – von Alessandro Mendini, 1985

1. Ersinne das Objekt nach seinem Erscheinungsbild und nicht nach seiner Funktion
2. Lasse mehrere Deutungen der Funktion zu
3. Strebe nach einem "informellen" Ergebnis der Allgemeinform des Objektes
4. Lehne Re-Design nicht ab
5. Strebe nach einem widersprüchlichen Erscheinungsbild: sowohl hart als auch weich
6. Baue den Entwurf auf unkonventionellen Grundlagen auf
7. Füge inhomogene Teile zusammen (Methode des Space-design)
8. Füge ein unvorhergesehenes Element ein (sorge für einen Spannungseffekt)
9. Entwerfe Objekte, die ruhig, poetisch, introvertiert und ein wenig selbstironisch sind
10. Erinnere dich der Worte Vergangenheit und Natur
11. Denke an Objekte, die sich immer voneinander unterscheiden (differenzierte Serie)
12. Gib den Objekten gemischt handwerkliche und informative Inhalte
13. Führe ein vollkommen oder teilweises ornamentales Element ein (zwei- oder dreidimensional)
14. Vereine glänzende und matte Teile
15. Vermeide scharfe Kanten


POST-AVANTGARDE – von Alessandro Mendini für Modo, 1980

Adieu rhetorischer Entwurf: Das Leben verläuft antiheroisch und amoralisch. Adieu Entwurf des Geschmacks: Die Qualität erhält man nur durch das Gegenteil. Adieu intellektueller Entwurf: Die Revolution besteht in der Banalität der Fantasie. Adieu elitärer Entwurf: Das Alltägliche gehört dem Kleinbürger. Adieu angepasster Entwurf: Aus Methode muss man unangepasst sein. Adieu Entwurf des Hauses: Es ist nur ein Andenken an sich selbst. Adieu transzendenter Entwurf: Jeder Gegenstand ist die banale Resonanz von fernen und unzugänglichen Hypothesen. Adieu konstruierter Entwurf: Konstruieren heißt zerstören. Adieu ideologischer Entwurf: Dem zynischen Menschen werden keine gewichtigen Architekturen gemacht.

Adieu stilematischer Entwurf: Alles ist eklektisch, gefestigt, indifferent, unwiderruflich verbraucht.Adieu dramatischer Entwurf: Der Stil von morgen ist locker und anziehend. Adieu spezialisierter Entwurf: Die Menge weiß selbst was ihr gefällt. Adieu meisterlicher Entwurf: Die Ware ist immer Menge. Adieu ehrlicher Entwurf: Der Prozess der Falschheit ist unaufhaltsam. Adieu lebendiger Entwurf: Das Klima der Zukunft ist kalt wie in einer Leichenhalle. Adieu programmatischer Entwurf Das Wohl des Landes liegt in seinem auftreibenden Chaos. Adieu Entwurf, der sich auf räumliche Kriterien gründet. Die Psyche liegt auf der Lauer und verlangt nach Farben und Dekor. Adieu Entwurf der Forschung: Jede gegebene Größe ist unsicher und unzuverlässig, wenn das Leben falsch erlebt wird.

Adieu proletarischer Entwurf: Der einzig vorstellbare Entwurf ist der Tod des bürgerlichen Entwurfes. Adieu institutioneller Entwurf: Er ist Stillstand, Ordnung und Geometrie anstelle von Bewegung, Fragment und Eigentümlichkeit. Adieu Industrieentwurf: Unterteilt die Personen, in jene die arbeiten und jene die die Objekte gebrauchen. Adieu universeller Entwurf: Projekt gibt es so viele wie es Menschen gibt. Adieu Universitätsentwurf: Weil die Kraft der Entwürfe in der Hand der Masse liegt. Adieu Entwurf der Neuheit: Das Neue existiert nicht, sondern alles ist Styling und Re-Design. Adieu bedeutungsvoller Entwurf: Weil die Epoche eine vergängliche ist, ist das Bewusstsein unglücklich und wir sind Entwerfer im Grenzbereich.

Adieu Entwurf der kräftigen Farben: Rosa ist die schönste Farbe. Adieu sentimentaler Entwurf: Weil jede Architektur einen Terroristen beherbergt. Adieu Entwurf der Avantgarde. Die Epoche ist vorbei, weil die Avantgarde sie verallgemeinert und verbreitet hat. Adieu Entwurf als Kunst: Architektur ist eine niedrige Kunst. Adieu utopischer Entwurf: Der Wohlstand schafft Manierismus und neue Normalität. Adieu Entwurf nach Thesen: Jede Botschaft ist sicherlich ungewiss. Adieu politischer Entwurf: Die Form verändert nicht die Welt. Adieu ökologischer Entwurf: Weil das unlogische überwiegt und Angst, Krieg und die Apokalypse kommen werden. Adieu Entwurf der Beteiligung: Wir leben entfremdet und unbeweglich in unseren Räumen. Adieu konzentrierter Entwurf: Weil die Kraft der Vorstellung in vulgärer Weise explodiert.

Adieu Entwurf Deiner selbst: Im Bewusstsein, dass dir die Zukunft in Abrede gestellt ist, wirst du dich im Zweideutigen zerstören. Adieu geometrischer Entwurf: Niemand ist nichts schuldig, weil es nichts anzustreben gibt. Adieu Entwurf des Überlebens: Das Problem der Arbeit ist nicht zu beseitigen und widerspricht dem Leben. Adieu männlicher Entwurf: Der Architekt der Zukunft ist Hermaphrodit. Adieu didaktischer Entwurf: Eine Schule die sich achtet, ist nicht aus Mauern gemacht. Adieu handwerklicher Entwurf: Die menschliche Hand ist ein verkümmertes Werkzeug. Adieu ritueller Entwurf: Ein Tempel voll von Robotern vermittelt andere Neuheiten. Adieu kindlicher Entwurf: Das Kind ist kleiner Erwachsener. Adieu antropologischer Entwurf: Der Ranzen des Vagabunden ist leer und die Natur ist aus Bildchen gemacht. Adieu urbanistischer Entwurf: Ihr würdet nur Mist und Reichtum auf dem Gebiet anhäufen. Adieu Entwurf "im Allgemeinen": Das Leben siegt über den Entwurf.


TELEGRAMME AN DESIGNER – von Alessandro Mendini, 1985

Erste Inneneinrichtungen und erste Architektur ist Mutterleib und Mutter ist ihr spontaner Designer - stop - Wohnen ist natürlicher Akt und frei von Regeln - stop - Erinnert Euch an Faszination des weichen Designs als Gegensatz zum harten Design - stop - Privates Heim und seine abgeschlossene Szene ist heute letzter Strand der Freiheit des Menschen versunken in kosmischer Unsicherheit der neo- und postmodernen Welt - stop.

Denkt daran Objekte sind auch aus Fleisch - stop - menschlicher Körper ist in sich geschlossenes System von Projekten - stop - wenn der Mensch auf dem Boden sitzt, ist die ganze Welt unter ihm sein Sessel - stop - wichtig Euch zu erinnern, dass Millionen von Objekten, die der Mensch um sich schuf, nur Prothesen seines Körpers sind und daher nicht weh tun dürfen - stop. Moralische Hypothese des traditionellen Industriesystems ist allgemeiner Reichtum durch Technologie und daher das Streben nach Utopie des Wohlstandes - stop - das verbreitete Phänomen der Ungleichheit ist jedoch gewachsen - stop - irreversible Gewalt ist fixes Kennzeichen der Menschheit - stop.

Es ist notwendig die Phantasie der Masse zu erhöhen und die Projekte der Elite zu verringern - stop - neo-und postmoderner Mensch ist auf Dilettantismus spezialisiert - stop - tatsächlich ist jede Person, die sich morgens in den Spiegel schaut, sich kleidet, sich kämmt ein großer Porträtist und der beste Maler seiner selbst - stop. Entwicklung existiert nicht, sondern ein Kreislauf zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die sich selbst endlos wiederentwerfen (re-design) - stop - das Schnellerwerden der Information erzeugt Phänomene augenblicklicher Antiquiertheit - stop - das Objekt der Zukunft ist zeitlos - stop.

Macht Euch bildliche Vorstellung der neo- und postindustriellen Epoche - stop - Objekte werden Nicht-Objekte - stop - virtuell verschwommen, warm, unauffällig, leicht, eklektisch aus verschiedenen Materialien, formlos, mehrfärbig und ohne Kanten - stop - jedes Objekt unterscheidet sich von einem anderen Objekt - stop - es ist notwendig objekte an die verschiedenen menschlichen Verhalten anzupassen - stop - tatsächlich ist jeder Mensch von jedem anderen Menschen verschieden - stop.

Die Natürlichkeit des Menschen besteht in einer immer größer werdenden Künstlichkeit - stop - das ist eine postive Tatsache - stop - alle Aktionen des Menschen sind zunehmende Verfälschungen des Natürlichen - stop der neo- und postmoderne Mensch ähnelt einem (sentimentalen) Roboter - stop - aber folgende Worte bleiben immer unverändert: Tod, Schmerz, Krankheit, Krieg Angst, Hunger - stop.

Der neue Designer wird keinen wahren, sichereren und für die Ewigkeit gültigen Werte mehr schaffen - stop - in dieser Zeit ist es unmöglich zu wissen wohin sie führt - stop - deshalb sind die Entwürfe provisorische Werte, wenig gebunden an die Kälte des Authentischen aber gebunden an die Labilität des Chaos, des Scheinbaren und des Unbekannten - stop - das liebevolle Design widersetzt sich funktionellem Design - stop.

Denk an die Hypothese des Erdenparadieses - stop - das Erdenparadies war perfekt - stop - sein Merkmal war das totale Fehlen der Architektur der Objekte der Organisationd und der Planung - stop - auch heute ist beste Voraussetzung für die Welt eine entwurflose Existenz - stop.


WOHNZYNISMUS – von Alessandro Mendini, 1985

Das Haus hat einen Fußboden, so klebrig wie Honig, die Füße bleiben an ihm haften und man schafft es nicht mehr hinauszugehen. Das Haus ist ein Rucksack, der dick und prall auf unseren Schultern lastet und jede Bewegung unmöglich macht. Das Haus ist eine heuchlerische Zuflucht für diejenigen, die die Witterungen des Lebens fürchten. Das Haus ist ein fremder Körper, der den Körper des Bewohners langsam hinausdrängt. Das Haus ist ein Truggebilde, das ohne einen ganzen Bund von Schlüsseln überhaupt nicht existiert. Das Haus ist ein Warenlager, in dem sich nutzlose Möbelstücke uns sonstige Reste ansammeln. Das Haus ist ein Diagramm, das den Zustand unserer Lethargie darstellt.

Das Haus ist die Fiktion einer verlorenen Idylle, die niemals wiederkommen wird. Das Haus ist eine Bank, bei der die Leute Ihr Ansehen anlegen und vermehren wollen. Das Haus ist eine stumpfsinnige Insel der Erben. Das Haus ist eine Festung, entweder von Komplizen bewohnt oder unter Feinden geteilt. Das Haus ist die Rückseite für einen Balkon, auf dem bleiche Blätter dahinwelken. Das Haus ist der Revolution unseres Verhaltens gegenüber feindlich eingestellt. Das Haus steht immer ein wenig zu sehr in der Nähe eines anderen Hauses, des Krankenhauses. Das Haus hat stets ein Nachbarhaus, aus dem die Musik erklingt, die sehnsüchtig stimmt.

Das Haus ist jener unantastbare Tempel, der alles das ausschließt, was in den anderen Häusern geschieht. Das Haus hält stets einen Terroristen versteckt. Das Haus ist nicht so bequem wie ein Kleid zu tragen, denn in ihm ist Nacktsein nicht immer angenehm. Das Haus ist nicht zu vergleichen mit unseren Schuhen, die täglich unbekannten Boden betreten. Das Haus ist nie ein Ausgangspunkt, sondern immer eine Endstation, mit dem Blick auf einen Druck von Cézanne. Das Haus ist nichts auflockerndes, dazu hat es viel zu viele Vordächer, Antennen und Pfeiler. Das Haus ist nicht rechtschaffen, weil mit Backstein zu viel Geld verdient wird. Das Haus ist nicht ehrlich, weil es immer irgendeine Rumpelkammer in ihm gibt mit den zur Abreise bereit stehenden Koffern.

Das Haus hat keine Phantasie, denn es fehlen ihm die Flügel. Das Haus ist kein reinlicher Ort, da es zu viele Öffnungen hat, aus denen es unsere Exkremente ausscheidet. Das Haus sieht sich niemals einem noch unbekannten Sonnenuntergang gegenüber. Das Haus hat nie einen so aufnahmebereiten Raum, wie es die Wartesäle auf dem Bahnhof sind. Das Haus besitzt niemals einen Korridor, einer öden Steppe gleich, auf dem man sich wie ein Vagabund fühlen könnte. Das Haus hat immer den Fehler, bereits möbliert zu sein. Das Haus hat stets ein Telefon, das in der Lag ist, uns mitten ins Herz zu treffen. Das Haus ist ein ganz banaler Kalender, von den sich die Zeit eines jeden Tages abblättern lässt.

Das Haus ist ein Spion, der sich jede unserer geheimsten Handlungen merkt. Das Haus ist ein Verzeichnis unserer Gewohnheit, immer wieder die gleichen Gesten zu wiederholen. Das Haus ist ein Katalog unseres persönlichen Egoismus. Das Haus ist jene Schule, in der das ausschließen gelehrt wird. Das Haus ist ein gestrenger Herr, der mit all seiner Tradition die Kinder zurechtweist. Das Haus ist stets aus Zimmern gemacht. Das Haus hat immer zu viele Ecken, um darin unechte Unterhaltungen zu führen, es hat zu viele Steckdosen und zu viele Schuhe. Das Haus hat stets ein anderes, mit einer Klingel bewaffnetes Haus gegenüber. Das Haus hat immer ein kleines Badezimmer, das mit seiner eisigen Kühle einem Leichenschauhaus zu ähnlich ist.

Das Haus hat einen Wecker, der uns zur Arbeit schickt. Das Haus erlaubt uns nur an Samstagvormittagen faul zu sein. Das Haus ist ein Bettlaken, auf dem schon einmal jemand geschlafen hat. Das Haus hat zu wenig Kissen und zu viele Gespenster. Das Haus ist eine Ansammlung von Mauern, die uns Angst machen, wenn sie vom Leben derjenigen flüstern, die in ihnen gestorben sind. Das Haus enthält immer eine Dosis Gewissensbisse und eine Dosis Tod. Das Haus ist ein Leichnam, aus dem auch wie als Leichen herauskommen werden. Das Haus steht unbeweglich da, während das Leben sich bewegt.


BRIEF AN DEN JUNGEN DESIGNER – von Alessandro Mendini, 1985

Wenn ich ein sehr junger Designer wäre, wäre ich sicher, dass dieser Beruf heute sehr schwer ist, weil er von einem Wendepunkt steht und man ihn in seinen vielseitigen Physiognomien als Teil der sozialen Realität, deren Merkmakle sich zu sehr verflüchtigen, nicht genau beschreiben kann. Ich würde ihn daher mit dem Namen "black design" bezeichnen, ein Design "wo man Schwarz sieht". Dann würde ich dem Problem auf den Grund gehen und würde mir die Frage stellen, ob es heute noch sinnvoll ist, für diese Art von Dingen dasselbe Wort "Design" anzuwenden oder ob man es nicht vielleicht versucht, spät-industrielle Missverständnisse und überholte, schematische Bezugsstrukturen weiterzuführen. Auf polemische Weise würde ich es vielleicht auch "neues Kunstgewerbe" nennen, um es in den jahrhundertlangen Strom der angewandten Kunst zurückzuführen.

Denn, wenn ich ein sehr junger Designer wäre, sozusagen ein "Tele-Handwerker", würde ich die, für sehr junge Leute typische Verteidigungsmethode anwenden, die instinktiv alle vom "monumentalen Bereich" kommenden Aggressionen ablehnt, auf dem die Werte der jetzigen Epoche gründen. Ich würde mich von der Unterdrückung vieler Worte befreien (Spezialisierung? Funktion? Standard? Beruf? Stellung? Serie?) und versuchen mein „anderes“ Entwurfsproblem neu zu entwerfen (oder zu ent-entwerfen). Daher würde ich in dieser Epoche, wo einer der sichersten Punkte die Neigung mehrerer Generationen zum „weichen Gedanken“ ist, unsicher und labil, auf jeden Fall die Kraft (die Großzügigkeit) finden, mich dem Unbehagen des unbekannten auszusetzen, bei der Erforschung (endlich nach so vielen Jahren einer dominierenden, vorwiegend logischen Kultur) vollständiger, vielschichtiger und zauberhafter Designarten, ein Design der Emotion.

Um das von Grund auf zu tun, müsste ich alles von mir abschütteln, auch die Bezugspunkte, die mich am meisten anziehen, die meine Momente und wichtige Rettung sind. Ich spreche von der italienischen Neo-Avantgarde, von Alchimia und Memphis, aber auch von der Faszination über die Methodologie von Ulm oder des Radikals: "Post-Ulm, Post Memphistime". Ich würde zusammen mit Liebe und Hass alle Meister und "Gegenmeister", die Akademie und die Avantgarde, den Neoplastizismus und Pop und die beruhigende Faszination der Schulen auslöschen. Wenn ich ein sehr junger Designer wäre, werde ich versuchen, die Philosophie des gerade entstehenden Zeitalters intuitiv zu erfassen, dessen Unterschied zum Gegenwärtigen ich in neuen Vorstellungen über das Verhalten sehen möchte: Denn, trotz liberalistischer Slogans sind heute die Menschen in ihrem Inneren verschlossen, dabei, eine klebrige Involution zu verteidigen, die die Neuheit und die Unterschiedlichkeit zu akzeptieren scheint, in Wirklichkeit aber ausschließt.

Ich möchte mir und den anderen deutlich machen, dass das neue Zeitalter einen anderen Menschen braucht, sicherlich zweideutig und künstlich wie wir immer mehr werden, aber fähig, zwei Gegensätze zu überlagern: Die telematische Synthese und die existentielle Auflösung. Ich möchte die Erfahrung des Wiederfindens eines archaischen und liebevollen Menschen erleben, das „iper-moralistische“ Manifest eines antimodänen Designs formulieren. Ich möchte, dass meine Zeichnungen Hunger, Gewalt, Armut, Ungleichheit zu absorbieren wüssten. Wenn ich also ein sehr junger Designer wäre, würde ich auf die Sicherheit verzichten, der mich die verbreitete, lebhafte und unmoralische Formensprache, die momentan auf gerechtfertigte Weise institutionell geworden ist, versichert und würde unsichere Wege gewunden und antik, gehen, um Objekte jenseits meiner kurzen Zeit zu finden, in einer geschlossenen Vision zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich würde von meinen Fragmenten (die minimalen Bewegungen, die durch meine Objekte entstanden sind) denken, dass sie wie eine Akupunktur am schlaffen Körper eines falschen Zusammenhangs sein müssten, zugunsten eines neuen Menschen ("empfindlicher Roboter") und einer andersgearteten Vorstellung von der Beziehung zwischen Entwerfen, Herstellen und Experimentieren (Post-Industrialismus), zum Nachteil einer rasenden Konkurrenz, die zu Terrorismus führt.

Wenn ich also ein sehr junger Designer wäre, wäre ich eher romantisch. Ich würde peinlich genau die Ergebnisse derer, die schon gearbeitet haben, beobachten und die Schlacken und Krusten, die wir verpestete Personen hinterlassen haben. Aber ich würde dies auch über und gegen mich selbst machen und ein Projekt der Disponibilität und des Friedens erleben wollen, das zu neuen Objekten führt, die gewaltlos, ruhig, poetisch, delikat und sich für eine Vorstellung eignen, wo die neuen Menschen ihre "Rituale und Fantasien eines Clans" ihrer nächsten Zukunft als "lebendige Personen, die zum Sterben bestimmt sind" vorführen werden.Wenn ich ein sehr junger Designer wäre, würde ich mir einen Plan von Bezugspunkten für meine Arbeit zusammenstellen, ohne aber an die heutigen Techniken oder an die Formgebung des Industriedesigns oder an die kommerzielle Laufbahn meines eben begonnenen Berufs zu denken. Ich würde eher an Giotto oder Kirkegaard, an den mütterlichen Schoß oder an den Kitsch, an Singapur oder an den Islam, an den Wind oder an Miniaturisierung, an Künstler oder an Verzweifelte, an Religion oder an Kontaktlosigkeit denken.

Auch wenn ich das Generationsproblem als überholt betrachten würde, hätte ich es nicht nötig, mich anzupassen. Es würde mir nicht reichen, in der sicheren Bahn des Manierismus, des vorherrschenden Eklecktismus zu bleiben. Einerseits möchte ich hart sein, wiederaufbauen und alles, was ich vor mir als Gegebenes habe, umstürzen. Andererseits möchte ich meinem erdachten Abenteuer nachgehen, einsam oder in einer Gruppe und würde im Dunkeln des "black design" ein faszinierendes, unbekanntes Mehr in mir als außerhalb von mir verborgenes Risiko suchen. Ich würde auch mein persönliches Verderben, meine Glaubwürdigkeit, meine Isolierung aufs Spiel setzen, denn jede Epoche verlangt einen ständigen Einsatz, oft ohne die Möglichkeit der Wiederkehr. Wie bei einem Spaziergang im Weltall, in einer "Leere" von Waren und Metropolen ein irrendes Design (design errante) für eine kulturelle Verständigung zwischen den Menschen, währenddessen das informatische Design (design informatico) das Nirwana kalten Hirns ins Unendliche erweitert.

Quelle aller Mendini-Texte: prodomoKatalog Alessandro Mendini, 1985


ALESSANDRO MENDINI – EINIGE ECKDATEN

• 1931 geboren in Mailand
• 1959 Abschluss des Architekturstudiums am Polytechnikum in Mailand
• 1970-1976 war er Chefredakteur der Architekturzeitschrift Casabella
• 1977-1981 war er Chefredakteur der Zeitschrift Modo
• 1973 Gründungsmitglied der Gruppe Global Tools
• 1978 Entwurf des re-designten Barockfauteuils "Proust" (zuerst Bestandteil der Kollektion von Alchimia, später Aufnahme bei Cappelllini)
• 1979 wurde er Partner von Ettore Sottsass, Andrea Branzi und Michele de Lucchi im Studio Alchimia (1976-1981)
• 1979-1985 war er Herausgeber des Magazins Domus
• 1979 und 1982 erhielt er jeweils einen Compasso d´oro
• 1982 war er Mitbegründer der ersten postgradualen Design-Schule Domus Academy in Mailand
• 1984-1988 mehrere Entwürfe für die Editions-Kollektion von Zanotta (z. B. Sessel/Tisch "Zabro", Tisch "Macaone", Kommoden "Calamobio" und "Cetonia", etc.)
• 1985 erste Ausstellung bei prodomo in Wien
• 1988 Architektur für den Paradise Tower in Horshima/Japan
• 1989 gründete er mit seinem Bruder Francesco das gemeinsame Studio Mendini
• 1989-1994 Co-Architekt für das Groningen Museum/Niederlande
• 1992 Gestaltung einer Swatch-Uhr, limited Edition sowie einiger Swatch-Filialen
• 1993 Bau des Alessi-Büros in Omegna/Italien
• 1994 entwarf Mendini den legendären Flaschenöffner "Anna G." für Alessi, weitere Modelle folgten in den Jahren darauf
• 1997 Beginn einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit Bisazza
• 2005-2010 Entwurf mehrerer Wandspiegel für Glas Italia
• 2011 Entwicklung des Magis-Proust aus Kunststoff
• 2011 Ausstellung "Wunderkammer Design" in der Neuen Sammlung München/Nürnberg
• 2012 Entwurf der Tisch-/Bodenleuchte "Here" für Slide
• 2015 Präsentation seiner jüngsten Entwürfe für Kartell auf der Mailänder Möbelmesse - der Hocker "Roy" sowie die Wanduhr "Crystal Palace" kommen Ende 2015 auf den Markt
• 2015 zweite Ausstellung bei prodomo in Wien


prodomoPopUp: 6 AUSLAGEN - 6 KUNSTWERKE. DIE BEWEGGRÜNDE.

Die aktuellen und zukünftig regelmäßig stattfindenden prodomoPopUp’s knüpfen an die viel beachtete Ausstellungsreihe auf dem Gebiet Architektur, Kunst und Design aus den 80er Jahren an. Zwischen 1985 und 1994 präsentierte Peter Teichgräber, unter der künstlerischen Leitung und Kuratierung von Loys Egg, im damaligen prodomoLoft in der Flachgasse insgesamt 16 Werkschauen. Rückblickend gesehen stufen Experten diese Kulturarbeit als bedeutend für diese Zeit ein und bewerten die „Sammlung prodomoWien, Peter Teichgräber“ mit den vielen noch vorhandenen Exponaten aus dieser Ausstellungstätigkeit als wichtiges, historisches Zeitdokument. Die Veranstaltungsreihe präsentierte Persönlichkeiten wie Alessandro Mendini, Heinz Frank, Jürgen Claus, Stiletto, die Gruppen Rastlos und Pentagon, Jasper Morrison, Massimo Iosa Ghini, Andreas Brandolini, Milan Knizak, Helmut Palla, Paul Etienne Lincoln sowie Mario Terzic. Den „Schlusspunkt“ fand die Serie 1994 mit Peter Weibel. Zu jeder Ausstellung gab es von den jeweiligen Künstlern bzw. Designern mitgestaltete, großformatige Ausstellungskataloge.

Wie einst fungiert prodomoWien auch heute als Impulsgeber, ist Bühne und Schaufenster zugleich. Die Künstler, die bereits in den 80er Jahren bei prodomo ausstellten, sind eingeladen, eine limitierte Kleinserie zu entwerfen. Jede Serie ist mit sechs Stück begrenzt und wird in den sechs Schaufenstern von prodomoWindows in der Naglergasse für die Dauer von rund 10 Tagen ausgestellt. Die Kunstwerke sind nummeriert und signiert und können exklusiv bei prodomoWindows gekauft werden.

"Wir sind in der privilegierten Lage mit Produkten unsere Geschäfte machen zu dürfen, die direkter Bestandteil der jeweiligen Einrichtungskultur auf höchstem Designniveau sind. Für uns zählen die Grundwerte Haltung, Qualität, Kreativität, Professionalität, Intelligenz und Empathie", so Peter Teichgräber, Gründer und Mastermind von prodomo. "Ergänzend zu unserem Alltagsgeschäft macht es einfach Spaß andere Wege zu gehen und gemeinsam mit Künstlern, Designern und Architekten etwas Eigenständiges zu verwirklichen und Ihnen dabei völlige künstlerische Freiheit zu ermöglichen. So haben wir es bereits in den 80ern im prodomoLoft in der Flachgasse gehalten und das behalten wir auch jetzt bei den prodomoPopUp´s bei."

Werner Backhausen, seit 2001 bei prodomo verantwortlich für Vertrieb & Marketing: "Da ich persönlich die Ära der Ausstellungsreihe zwischen 1985 und 1994 nicht miterlebte, ist es mir ein besonderes Anliegen gemeinsam mit Herrn Teichgräber und den Künstlern von damals diesen Teil der Unternehmensgeschichte aufzuarbeiten und zugleich Neues mit ihnen zu gestalten. Ein weiteres Ziel ist es, auch den jüngeren Generationen die Wurzeln von prodomo näher zu bringen, damit unsere heutigen Aktivitäten und Einstellungen besser verstanden werden. Außerdem passt bei diesem Projekt auch der bekannte Spruch: Tradition ist nicht die Anbetung von Asche, sondern die Weitergabe von Feuer!"

>> Link zum Beitrag von LifestyleTV über unsere Veranstaltung mit Alessandro Mendini

>> Link zum gesamten Interview mit Alessandro Mendini

© copyright prodomoWien/Hersteller, Autor: Werner Backhausen